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Schiessen als «perfekte Verbindung von Körper und Geist»

Ramona Gnägi ist Fachfrau Gesundheit, Bäuerin mit Fachprüfung, Sportschützin, ausgebildete Jägerin und seit Februar 2025 Sachbearbeiterin Schiesswesen beim BSM. Sie bezeichnet sich selbst als vielseitig interessiert und ehrgeizig. Das glaubt man ihr sofort. 

In Ihrer Jugend schoss Ramona Kranz um Kranz. Foto: zvg

«Unser Schiesswesen ist einzigartig», erzählt Ramona Gnägi voller Begeisterung: «Es ist eine Mischung aus Breitensport, Tradition, militärischer Pflicht, gesellschaftlichem Ereignis und wichtiger Teil der regionalen Identität.» Ausserdem sei der Kanton Bern mit mehr als 600 Schiessanlagen besonders schiesswütig. Und in der Guntelsey in Thun stehe gar die grösste Schiessanlage der Schweiz. Genau das mache ihre Arbeit beim BSM so spannend und vielseitig, erklärt sie. Vor allem der Austausch mit den Schützenvereinen gefalle ihr sehr gut. Ihre Erfahrungen als Sportschützin helfen ihr dabei.

Mit dem Schiessen begonnen hat sie in der 8.Klasse, als ein Flyer für den Jungschützenkurs der Feldschützen Mörigen in ihrem Briefkasten landete. Sie war sofort angefressen, schoss in ihrer Jugend Kranz um Kranz. 2014 schaffte sie die Qualifizierung für die Schweizer Meisterschaft. Besonders stark war sie im Gewehr 300 m. In ihrer Kategorie – 60 Schuss liegend – erzielte sie unter den Frauen das beste Resultat. Das Sportschiessen mache ihr enorm viel Spass, Schiessen ist für die 32-Jährige Ramona Gnägi «die perfekte Verbindung von Körper und Geist.» 

Naturverbunden und «gspürig» 

Doch etwas fehlt ihr: Die Ruhe und vor allem die Naturverbundenheit, die sie seit ihrer Kindheit sehr prägt, kommen bei ihrem Hobby zu kurz. Ramona ist ein sehr «gspüriger» Mensch. Sie spürt sehr schnell, wie es ihrem Gegenüber geht. Genau deshalb ist sie in ihrer Freizeit gerne alleine unterwegs. Sie entschliesst sich, mit dem Hund ihres damaligen Partners, die Jagdausbildung zu machen. Kurz nach der Ausbildung 2017 schiesst sie ihr erstes Tier, ein Rehkitz. «Ich habe geheult wie ein Schlosshund». Nachdem sich ihre Emotionen gelegt hatten, nimmt sie das Tier selbständig aus und metzget es. Das ganze Tier zu verwerten ist ihr dabei sehr wichtig, «aus Respekt vor dem Tier».

Einmal, sie sass seit ungefähr fünf Stunden vor einem Fuchsbau, musste sie sich dringend erleichtern. Also legte sie ihr Gewehr ab, sicherte es und schälte sich aus ihrem Jägerinnen-Tenue. Genau in den Moment kam die Fuchsfamilie aus dem Bau. Und nicht nur das: Auch ein Wildschwein liess sich in diesen unglücklichen 30 Sekunden blicken, in denen sie gerade mit ihrem Naturprojekt beschäftigt war. «Es war trotzdem ein schönes Erlebnis, die Tiere so nah zu sehen», erinnert sie sich schmunzelnd, auch wenn sie an diesem Tag ohne Fleisch nachhause kam. Sowieso gehe es ihr bei der Jagd primär um das Naturerlebnis und die Ruhe. Sie liebt es zu warten, zu beobachten und dabei innezuhalten.

Gehörlos auf dem linken Ohr

Ramona Gnägi in der Waffenkammer. Foto: INN

Ruhe ist für Ramona Gnägi ein wertvolles Gut. Die gebürtige Seeländerin ist von Geburt an auf dem linken Ohr gehörlos. Seit ihrer Kindheit hat sie 19 Operationen über sich ergehen lassen müssen. Sie liess sich davon aber nie behindern und ist ihren Weg selbstbewusst gegangen. Auch dank der Unterstützung ihrer Eltern, die sich darum bemühten, dass Ramona in Bellmund eine unbeschwerte Kindheit führen konnte. Ihr Gleichgewichtsorgan ist durch die einseitige Gehörlosigkeit angeschlagen und sie ist sehr lärmempfindlich: «Die Pausen im Pausenraum sind happig, vor allem wenn alle gleichzeitig reden», sagt sie. Doch Ramona ist hart im Nehmen. Das hat sie bereits in ihrer Jugend bewiesen.

Aufgewachsen ist Ramona Gnägi auf einem Bauernhof in Bellmund. «In der Landwirtschaft wünscht man sich Söhne. Mein Vater hat mir das aber nie zu spüren gegeben,» erklärt sie nicht ohne Stolz. Sie konnte eher Traktorfahren als Velofahren und fuhr als Jugendliche bereits mit grossen Maschinen, am liebsten den 42-Tönner gefüllt mit Zuckerrüben: «Die Leute schauen dann so doof, wenn ich aussteige. Das geniesse ich sehr», erzählt sie lachend. Noch heute arbeitet sie bei Bedarf auf dem Ackerbaubetrieb ihrer Eltern mit. In einigen Jahren wird sie ihn übernehmen. Wie und wann das genau passieren wird, ist derzeit noch offen. 

Vom Altersheim zum Kaminfeger

Egal was Ramona Gnägi machte, sie genoss das Vertrauen ihrer Eltern. Trotzdem ermahnte sie ihr Vater, nach der Schule «etwas Richtiges zu lernen.» Ihre Lehre absolvierte sie als Fachfrau Gesundheit EFZ bei der Spitex in Biel. Der Lehrbetrieb war für sie nicht optimal, trotzdem habe sie die drei Jahre durchstehen wollen. Die Arbeit in der Pflege sei sehr dankbar, weil man den Menschen etwas Gutes tun könne. Als sie nach der Lehre aber in einem Spital auf der gynäkologischen Abteilung zu arbeiten beginnt, kommt sie unter anderem mit Abtreibungen in Berührung. «Von da an ging es für mich nicht mehr auf. Ich war mit 18 Jahren noch nicht reif genug, um mich mit solchen komplexen und prägenden Themen zu beschäftigen.» Sie suchte sich eine neue Arbeit, zuerst im Altersheim und dann ab 2019 im Büro eines Kaminfeger-Geschäfts, wo sie während drei Jahren als «Gibhäbundzündt» verantwortlich für sämtliche Administrativaufgaben war. Dort lernte sie auch ihren späteren Vorgänger Walter Meer kennen. 

Die Arbeit im Büro hat ihr gut gefallen, aber sie vermisste den Kontakt zu Menschen und verlässt den Kaminfeger nach drei Jahren, um im Inselspital als medizinisch-technische Assistentin im Schlaflabor zu arbeiten. Auch auf diese Tätigkeit liess sie sich mit grosser Begeisterung ein und meldete sich gar für das Studium zur Fachfrau neurophysiologische Diagnostik an. Das Inselspital wollte ihr die Ausbildung finanzieren. Doch es kam anders: «Zu dieser Zeit machte ich noch die Fachprüfung der Bäuerinnenschule. Es war einfach alles zu viel und ich entschloss mich, die Ausbildung zu verschieben», erklärt Gnägi. Dann trat Walter Meer erneut in ihr Leben und gab ihm eine neue Wendung.

Viele Erfolge mit den Feldschützen Münchenbuchsee

Der Kranzkasten von Ramona Gnägi. Foto: zvg

«Ich brauche dich morgen für einen Schiesswettkampf, mir ist jemand abgesprungen», klang es am Telefon. Sie liess sich dazu überreden, obwohl sie seit vier Jahren auf keinem 300 m Schiessstand mehr war. Gemeinsam mit den Schützen der Feldschützen Münchenbuchsee trat sie an besagtem Wettbewerb an und lief als Gruppenbeste vom Platz. «Danach hatte es mich wieder, das Schiessen», erzählt sie und ist stolz auf die weiteren Erfolge, die sie mit den Feldschützen Münchenbuchsee seither verbuchen konnte. Ihr Kranzkasten zuhause ist so gut gefüllt, dass Besucher jeweils meinen, es sei der Kranzkasten ihres Freundes.

Als ihr Walter Meer erzählte, dass er in Pension gehe und er sich Ramona sehr gut als seine Nachfolgerin vorstellen könnte, war ihr Interesse geweckt. Sie liebte das Schiesswesen und entschloss sich, sich beim BSM zu bewerben und bekam die Stelle. Ihre Begeisterung für das Schiesswesen lässt sie seither das ganze Amt spüren: «Erwähne bitte noch das Centerschiessen am 12. Juni 2026», betont sie nach dem Interview.

Nadia Ingenhoff

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